Kein Anschluss unter dieser Nummer: Philipp Rösler und die Integrationsdebatte

Philipp Rösler lehnt die Freigabe und damit Veröffentlichung eines taz-Interviews ab. An und für sich ein nicht ungewöhnlicher Vorgang, der abseits der breiten Öffentlichkeit täglich stattfindet. Doch hier ist etwas anders: Die taz beschliesst das Interview trotzdem zu veröffentlichen – ohne die Antworten. (http://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten/)

Die FDP hatte die Freigabe verweigert, weil Teile des Gesprächs Röslers Migrationshintergrund und Rassismuserfahrungen thematisieren und dies nicht zum Wahlkampfthema erhoben werden soll. Strategisch vielleicht klug, aber inhaltlich für Deutschland eine Katastrophe.

Der Wahlkampf kommt sowieso nur schwerfällig in die Gänge und vermag – den Zuschauerzahlen des Kanzlerduells zum Trotze – kaum jemanden für Politik zu begeistern. Mit dem Themenkomplex Integration, Demographie und Rassismus wäre ein kontroverses, aktuelles und national bedeutendes Thema auf den Tisch gekommen. Der Bundesminister zieht aber lieber zurück.

Dabei wäre es an der Zeit für das Thema. In manchen deutschen Großstädten haben fast 60 Prozent der unter 25jährigen einen Migrationshintergrund. Diese Generationen müssen ihren Platz in der Mitte Deutschlands finden. Nicht nur um ihretwillen, sondern auch für die künftigen Rentner und Transfergeldempfänger, die auf eine leistungsstarke und – willige deutsche Jugend angewiesen sind. Dafür braucht es auch abseits der Fußballplätze und Musikvideos erfolgreiche Vorbilder, die das Wort ergreifen und Taten folgen lassen. Rösler wäre ähnlich wie Cem Özdemir ein natürlicher Kandidat.

Für die Rassismusdebatte ist diese Absage an den Diskurs noch schlimmer. Während die Journalistin Kübra Gümüsay bei Twitter mit dem Hashtag #Schauhin Alltagsrassismus sichtbar machen will, behält Philipp Rösler seine Erfahrungen lieber für sich. Trotz sonstiger medieller Omnipräsenz – von den Schattenseiten seiner Zeit an der Spitze sollen wir lieber nichts erfahren.

Eine kurze Internetsuche erlaubt eine Prognose über die zurückgehaltenen Antworten. Trotz deutschem Pass und mehreren Jahren Dienst als Offizier der Bundeswehr muss sich Rösler Bambusbeleidigungen anhören. Gegner nehmen sein Aussehen als Aufhänger, um seine politische Meinung lächerlich zu machen. Und konservative oder gar rechte Foren sollte man als Freund des Grundgesetzes besser nicht nach dem Stichwort Rösler durchsuchen.

Das Gegenargument für eine Stellungnahme ist – abgesehen von der politischen Taktik – schnell bei der Hand. Wieso soll er überhaupt müssen? Sich äußern also. Ist es nicht vielmehr schädlich, bei jemandem der offenkundig so gut integriert ist, auch noch mit dem Scheinwerfer draufzuhalten und ihm seine Integration somit zu nehmen? Ihm das Etikett Migrant künstlich aufzukleben?

Dieser Widerspruch kann aber für einen Bundesminister und Vizekanzler nicht gelten. Er hat als Wahlkämpfer klar gemacht, dass er für Deutschland Verantwortung übernehmen will. So unangenehm das für die Privatperson Philipp Rösler auch sein mag, er muss die Verantwortung dann auch da übernehmen, wo er sie hat, aber nicht will. In diesem Fall muss er den tausenden jungen Deutschen beistehen, die ihn als Vorbild für ihren eigenen Weg aus der Misere bräuchten.

Der Minister hat sich aber leider gegen die öffentliche Diskussion entschieden. Als einer der exponiertesten und erfolgreichsten neuen Deutschen hätte Rösler vom wahren Stand der deutschen Integration berichten können – und mit den liberalen Kernthemen Freiheit, Toleranz und Leistungsgerechtigkeit antworten müssen. Das wären die Stichwörter der FDP zur Integrationsdebatte gewesen, die Philipp Rösler mindestens genausogut zu Gesicht gestanden hätten, wie sein deutscher Pass es tut.