Äußere Sicherheit

by wullersd

Seit längerem schon begegnet man häufiger mal Soldatinnen mit bunten Gemälden auf den recht langen Fingernägeln oder Soldaten mit dicken und dumpf wummernden Kopfhörern über der Kopfbedeckung und so mancher staunt begeistert, was der Dienstherr oder zumindest der direkte Vorgesetzte so alles mitmacht. Ein bisschen wundert man sich vielleicht, ob das alles so seine Richtigkeit hat. Nun weiß man es: Nein.

Denn seit dieser Woche ist die Zentrale Dienstvorschrift, kurz ZDv, A-2630/1, „Das äußere Erscheinungsbild der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr“, in Kraft. Dabei ist gerade dieser Erlass einer der prominenteren der Bundeswehr. Aus der Taufe gehoben Anfang der 70er Jahre vom damaligen Verteidigungsminister Helmut Schmidt brachte die Vorschrift dem späteren Kanzler und Hauptmann der Reserve einen Ritterschlag wider den tierischen Ernst. Die damalige Mode forderte die männliche Jugend zur Verweigerung des Frisörbesuchs auf. Schmidt nahm es mit Humor und ordnete dienstliche Haarnetze an, um der haarlichen Beatlemania Herr zu werden – 740.000 Stück wurden beschafft. Der Wehrbeauftragte knirschte in seinem Bericht, dass er dem Witz von der German Hair Force nicht viel abgewinnen könne.

Ab sofort geht es aber nicht mehr nur um Haare, sondern um alle Körperpartien der Soldatinnen und Soldaten, die dem Ansehen Deutschlands in der Welt schaden könnten.  Wie bei fast allen Vorschriften, gewährt auch die neue ZDv Einblick in die geschundene Psyche des Dienstherrn. Denn viele Vorschriften haben ihre Ursache in unvorhersehbar nachlässigem, kontraintuitivem und offenbar auch geschmacklosem Verhalten von einzelnen Soldatinnen und Soldaten. So haben etwa Strasssteine und Glitzer ab sofort nichts mehr auf den Fingernägeln von Soldatinnen zu suchen, augengefährdende Experimente mit wechselnden Haarfarben sind ebenso verboten und die Kameraden sollen aufhören, sich pornographische Motive auf den Körper zu tätowieren.

Das vorher als Haar- und Barterlass bekannte Regelwerk ist so fast zum Stilführer mutiert. In mütterlicher Zuwendung hört man den Dienstherrn rufen „Kind, lass den Quatsch“, während er Ohrtunnel verbietet, also die Anbringung von bis zu untertassengroßen Scheiben in den Ohrläppchen und stattdessen zu Steckern aus Edelmetall oder Perlmutt rät. Aber nur einer je Ohr!

Im finalen achten Kapitel findet sich schließlich nur ein Satz. Beim Tragen des Gesellschaftsanzugs (für die Herren ein Smoking, für die Damen ein – vorsichtig formuliert – altbackenes Etwas) belässt es das Ministerium bei der Hoffnung, dass die Soldatinnen und Soldaten „dem Anlass entsprechend“ selbst festlegen, was geht und was nicht. Allerdings hat der Dienstherr auf der Seite vorsorglich noch etwas Platz gelassen für die modische Phantasie seiner Soldatinnen und Soldaten und den vermutlich folgenden Regelbedarf.

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