Tote Materie

by wullersd

Die neuen Organspendezahlen sind da und erneut gesunken. Wenig überraschend wird direkt danach eine Debatte über die Verantwortung der am Organskandal beteiligten Ärzte und diejenige des Gesundheitsministeriums beginnen und kurz danach abebben. Verkannt wird dabei, dass dieses Thema in den USA schon deutlich weiter ist und der dortige Lösungsvorschlag sogar mit einem Nobelpreis prämiert wurde.

2012 erhielt Alvin Roth von der Universität Harvard die Auszeichnung für zwei Modelle zur Verbesserung der Effizienz bei Nierenspenden. Nierenpatienten machen den weit überwiegenden Teil der Warteliste aus. Zum einen postulierte er die Überkreuzspende. Dabei spenden sich zwei untereinander medizinisch inkompatible Spender-Empfänger-Paare.

 In Deutschland wurde dieses Verfahren nach langwierigen Prozessen für rechtmäßig erklärt, wenn die beteiligten Paare in enger Beziehung waren oder zumindest erkennbar bleiben wollen. Die rechtliche Komplikation rührt daher, dass Altruismus dem Gesetzgeber offenkundig suspekt ist und jede Lebendspende von nicht direkt Verwandten oder nachweislich eng befreundeten als Organhandel gilt.

Damit ist auch das zweite Modell des Prof. Roth, die sogenannte Kettenspende, aus dem Rennen. Denn bei diesem Verfahren ist man auf eine selbstlos gespendete Niere angewiesen. Diese wird über eine zentrale Vergabestelle und anonym an ein Spender-Empfänger-Paar gegeben. Durch die Anonymität werden auch mögliche Kompensationszahlungen der Empfänger an den Spender verhindert. Der nun freigewordene Spender gibt seine Niere an das nächste Paar und so weiter. Auf diese Weise können mit nur einer Niere theoretisch mehrere Dutzend bis Hunderte Patienten gerettet werden.

Doch statt sich mit der Frage der Straffreiheit für altruistische Lebendspenden zu befassen, wird weiterhin über den Mangel an (toten) Organspendern gestritten. Dabei ist neben der höheren Effizienz der Rothschen Verfahren auch eine höhere Effektivität zu verzeichnen. Lebendspenden sind häufig jünger und sind vor allem keiner Ischämiezeit ausgesetzt, also der für das Organ und die Transplantation schädlichen Zeit zwischen einsetzendem Tod des Spenders und Entnahme durch einen Arzt.

Roth hatte übrigens auch den Organskandal vorhergesagt. In seiner Untersuchung stellte er fest, dass es die spieltheoretisch dominante Strategie für Ärzte sei, eintreffende Spenderorgane den eigenen Patienten zu geben. Dies sei wenig verwunderlich, wenn man unterstelle, dass Ärzte zunächst ihre eigenen, ihnen persönlich bekannten Patienten und deren Leiden im Blick haben. Diese Erkenntnis ist eher menschlich als skandalös. Skandalös dagegen ist, dass die Bundesrepublik die neuen Verfahren mit einem mehr als unglücklichen Transplantationsgesetz weiterhin blockiert, während tausende auf den Wartelisten ihrem Ende entgegen sehen.

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